Arbeitsurlaub im Schwabenländle

. . . oder wie unser Ossi-Rentnertrio die Weinlese und mehr erlebte

Andere fliegen in die Karibik. Wir fahren im Herbst zwei bis drei Wochen nach Schwaben. Alle Jahre wieder. Zur Weinlese auf den Gagernberg bei Beilstein. Wir – das ist ein kleiner, aber feiner Klub von 70- jährigen Omas. Meine Frau Nachbarin ist mit 74 “Alterspräsidentin” Und meine Jugendfreundin gehört dazu. Immer mit dabei natürlich auch Cockerhündin Darja. Und ja – ohne die beiden netten Nachbarn, die derweil meine Blumen gossen und liebevoll die “100-jährige” Miez umsorgten, da könnte ich gar nicht so lange weg aus meiner geliebten sächsischen Oberlausitz.

Der Lemberger. Einer der Weine, die dank der kundigen und liebevollen Handarbeit durch den Winzer “Finki” und einem gewogenem Wettermix dieses Jahr alle tolle Öxle hatten.

Ehrlich: Je öfter ich quer durch Deutschland zu den schwäbischen Winzerverwandten fahre, desto lauter frage ich mich, wieso es eigentlich Wein für 1,99 im Supermarkt zu kaufen gibt. Und warum so mancher Wein aus Kalifornien oder Afrika so viel billiger ist, als die heimischen Produkte. Warum kostet etwas, was so viel Arbeit macht, im Laden so wenig Geld? Weder zu viel noch zu wenig darf der Weinbauer in die Kelterei liefern. Und wer sich das vorherige Blätter rupfen oder das Entfernen von zu spät angesetzten Dolden, mühsames Aufhängen von Essigfliegenfallen u.a. spart, der holt dann halt kein Superergebnis. Schon im Januar – wenn wir Weintrinker noch gemütlich mit nem Buch auf dem Sofa vor dem Kamin sitzen – biegt und befestigt der Winzer die Ranken für die ommende Ernte. Und das wie alle anderen Arbeiten in den Weinbergen immer bergauf und bergab.

Bei der Lese kommt es auf flexible Helfer via Zuruf an. Und wenn Töchter, Schwager und Enkelin ebenfalls als Helfer dabei sind, ist das ein tolles Erlebnis. Von diesem persönlichen Miteinander zehre ich hinterher noch lange.

Anders als beim Erdbeeren ernten oder Spargel stechen können im Wein nämlich noch Oldis mit “Rücken” helfen. Zumindest stundenweise und bei Winzern, die wie “Finki” neun verschiedene Sorten anbauen und damit nicht auf nur wenige Abgabetermine beschränkt bleiben. Von seinem Prinzip, “Klasse statt Masse” haben wir auch wir Omas profitiert. Dauerte doch kaum ein Leseeinsatz mal länger als zwei bis drei Stunden. Man konnte also das beginnende Ziepen hinten links oder vorn rechts ignorieren. Man konnte es beim abschließenden Kaffeeschwatz im Pausenwagen ganz vergessen und mittags diskret leise ächzend auf die Besuchercouch sinken. Außer meiner Nachbarin Elke freilich. Die nach den Arbeitseinsätzen frisch und fröhlich mit Wanderkarte, Rucksack und Wasserflasche los marschierte, um alle in den Vorjahren noch nicht entdeckten Burgen auf den Bergen rund um Beilstein zu erwandern.

Immer häufiger fährt die große Maschine – vorher angefordert – saugend und schüttelnd durch die Reihen. Hundchen Darja und ich schauen hier staunend zu, wie der Vollernter in fünf Minuten schafft, wofür wir “Handarbeiter” in der Gruppe eine Stunde brauchen.

Die Weinlese als ein verbindendes Arbeits-Familienevent, die wird es wohl irgendwann nicht mehr geben. Aber noch erleben wir sie. Ich erlebe sie noch. Und genieße das Miteinander, die Begegnungen mit den schwäbischen Verwandten, den Töchtern und Enkeln und den inzwischen bekannten Leuten vom Gagernberg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.