Die Weihnachtskatze

. . . oder warum sich Oma an manche Festtage besonders erinnert

In meinen Kindertagen waren die Winter noch kalt und schneereich. Trotzdem sind wir an Heiligabend warm eingemummelt zwischen Mittagessen und Dunkelheit immer draußen gewesen. Bei den Bescherungsvorbereitungen in der Stube wollten die Eltern nämlich ungestört von kleinen Schlüssellochspionen und „ich muss aufs Klo-Quenglern“ bleiben. Wir sind dann an die Rodelhänge hinter dem Neustrelitzer Schlosspark oder am zum Eislaufen freigegebenen Gladecker See gestiefelt. Dabei liefen uns mehrfach arme Seelen vor die Füße, auf die – anders als für uns – keine warme Stube mit guten Gaben und ein festlicher Schmaus wartete. Unter anderem sammelten wir über die Jahre vor der eigenen Bescherung eine verletzte Taube und einen Igel, aber auch zwei Katzen ein. Und schleppten sie für rettende Pflege nach Hause.

Eine diesjährige struppige Weihnachtskatze fanden Darja und ich auf einer Wiese. Aber hab die – anders als vor 55 Jahren – nicht eingesammelt und ins Haus geholt. Aber Darja musste zusehen, wie all ihre Leckerchen fremdverteilt wurden.

Eine dieser Katzen – ein struppiges und mageres Exemplar mit rotzender Nase und verklebten Augen – führte zu einem großem Drama, über das im Mehrfamilienhaus noch lange gesprochen wurde. Wir drei Kinder kamen also patschnass und verfroren und lange vor der erlaubten Zeit ganz aufgeregt mit der Katze im Arm an. Und Mutter stöhnte: „Nein, nicht schon wieder!! ” Dieses verflohte und offenbar kranke Tier komme ihr nicht über die Schwelle.“ Wir reagierten mit erst mit Bitten und Flehen und dann mit einem Mordsgeheul. Und ließen uns weder durch aus der Wohnungstür heraus gereichtes Futter noch einen Pappkarton und ne alte Decke dazu bewegen, das erbarmungswürdige Katzentier ausgerechnet am Weihnachtstag mit “Spenden“ irgendwo hinter den Garagen wieder auszusetzen.

Nein! Wenn die eigenen Eltern derart herzlos sind, dann wollen wir auch die Scheiß-Bescherung nicht. So lautete der Beschluss der kleinen Tierretter. Und so saßen wir drei Kids heulend, frierend, nass und der Katze im Arm zwei Treppen unterhalb der Wohnungstür und ließen uns weder durch flötende Geschenkankündigungen noch durch strenge Worte bewegen, ohne die Katze ins Weihnachtswunderland zu kommen. Heute nehme ich an, dass unser großer Sieg nicht ausschließlich unserer Standhaftigkeit zu verdanken war. Selbst der DDR war es nicht normal, wenn die Kinder einer Lehrerin und eines „Geheimen“ laut im Treppenhaus rumheulen.

Unsere mittlerweile 21-jährige Kismet. Eine der vielen Katzen, die mich seit damals begleiteten.

Aber zurück zur Weihnachtskatze aus Kindertagen. Sie wurde – nachdem unsere Oldis wegen dem Drama im Treppenhaus (und weil Heiligabend war) klein bei gegeben hatten – von Muttern erst bis zum Hals in einen Turnbeutel voller Flohpuder gesteckt, anschließend mit Kamillentee um die Augen und Ohren gewaschen und mit etwas Hundefutter beglückt. Ich rannte auftragsgemäß mit Eimer und Schaufel drei Etagen runter und grub unter dem Schnee im Hausgarten bissl Erde aus. Denn selbst klumpende oder gar duftende Katzenstreu wie heutzutage aus dem Supermarkt, die gab es noch nicht. An den Rest dieses Weihnachtsabend habe ich keine Erinnerung mehr. Aber an diese Weihnachtskatze. Die – oder eine andere aufgesammelte – begleitete uns mehrere Jahre . Beispielsweise als Wach- und Anglerkatze beim Camping. Sie und andere Exemplare haben dazu geführt, dass für uns alle drei Kinder von damals bis heute Katzen oder/und Hunde zu unserem Leben gehören. Und wer weiß, ob in einem Notfall die lauthals verkündete Entscheidung, nach Kismet keine Katze mehr ins Haus zu lassen, noch Bestand hat.

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