Wein – das ist Handarbeit . .

. . .oder was wir sächsische Ostomas so in einem schwäbischen Weinberg treiben

Wengertarbeit im Juni bei 32 Grad. Schnell schießende Ranken müssen zwischen den Drähten eingestreift und fest gebunden werden. Außerdem sind Blätter auf der Sonnenseite zu “lichten”, damit die Sonne an die Beerles kommt.

Wir – Nachbarin Elke, Freundin Heidi und ich – tuckern so ein bis zweimal jährlich von Sachsen bis ins Schwabenland. Zum Besuch bei Töchtern und Enkeln, aber auch auf Dieters Bauernhof mit seinen Weinbergen. Für zwei, drei Stunden ziehen wir uns dann dem Wetter entsprechend an, lassen uns vom Winzer einweisen und mit Arbeitswerkzeug ausstatten. Ich will jetzt nicht oberschlau tun und euch Weinliebhabern auflisten, was zwischen Januar und Oktober alles beim Wein in reiner Handarbeit zu tun ist. Wir haben uns jedenfalls schon in verschiedene Hand- und Hilfsarbeiten einweisen lassen. Für alle, die noch nie in einen Weinberg Hand angelegt haben: Das ist bissl so wie Fließband bei Porsche, aber trotz immer gleicher Handgriffe eben doch ganz anders.

Zwei von der Ostrentnergang – in geborgten Gummistiefeln vor dem Weinbergeinsatz auf dem Gagernberg.

Während die Weinlese vielerorts wie ein tolles Event läuft: mit Verwandten und Freunden, die zum Helfen kommen, mit dem Pausenwagen und Flammkuchen oder dem abendlichem Ausklang mit Hauswein rund um den Grill, da läuft die viele sonstige Arbeit eher unbemerkt. Man kann aber nicht übersehen, dass immer mehr Handarbeit den Maschinen übertragen wird. Vom Binden der Ranken bis zum Vollernter bei der Lese siegt intelligente Technik über die nicht mehr bezahlbare Handarbeit. Und Winzer alten Schlages sterben auch in Deutschland darüber langsam aus. Sie müssen den wirtschaftlichen Zwängen weichen oder eben auf den Zug der Technisierung und Optimierung aufspringen. In den ersten Jahren meiner Schwabenfahrten gab es bei Dieter noch monatsweise polnische oder rumänische Betriebshelfer, die acht bis zehn Stunden stramm auf dem Wengert geschafft haben. Auch das ist für die meisten kleinen Obst-, Spargel-, oder Weinbauern längst Geschichte. Nicht mehr bezahlbar.

Weinprobe bei der Privatkellerei Kümmerle in Schwaigern. Lecker!! Erst, seit wir Omas selbst Hand auf dem Weinberg anlegen, wissen wir ganz genau, dass es für 1,99 oder 2,99 pro Liter industrielles Gesöff, aber keinesfalls so etwas wie halbwegs guten Wein geben kann.

Was für Arbeit aber in jedem Tropfen Wein steckt, bevor wir ihn ins Glas gießen, das weiß ich jetzt. Und so billig wie möglich darf es deshalb nicht sein. Ist ähnlich wie bei den Hähnchenschenkeln und Weihnachtsenten. Bei den spanischen Turbopaprika oder den zwischen Netzen gemästeten Lachsen. Man muss selbst mitgemacht und Hand angelegt haben, wie unsere Lebensmittel oder Genussmittel produziert werden.

Cirka 100 Tage nach dieser unscheinbaren Traubenblüte werden die Beeren geschnitten. Noch einmal fahren wir dann dahin.

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